Didaktische Überlegungen
Erfahrungen und Studienlage
Genres der Videoclips
Lehrkräfte nutzen Videoclips spätestens seit den Schulschließungen der Corona-Zeit in unterschiedlicher Weise: Manche Lehrkräfte suchen thematisch passende Erklärvideos und machen diese ihren Schüler:innen zugänglich, manche erstellen auch selbst solche Videos. Gerade im Zusammenhang mit „flipped classroom“ erlangten gezielte kurze Erklärvideos große Aufmerksamkeit (s. weiterführende Links am Rand dieses Blogs).
Aus der Phase der coronabedingten Schulschließungen gibt die Cunitas-Studie der Universität Tübingen einen Aufschluss über die Wirksamkeit von Lehrvideos, insbesondere dann, wenn sie von der eigenen Lehrkraft erstellt wurden. Damit wurde ein Indiz darauf erbracht, dass Lernvideos wichtig sind für den sozialen Kontakt zwischen Lehrkraft und Schüler:innen – es ist etwas besonderes, wenn die eigene Lehrkraft sich mit einer Videobotschaft an eine bestimmte Lerngruppe wendet. Dies haben auch viele Lehrkräfte im Rahmen der Schulschließungen umgesetzt und eigene Videos erstellt. Diese wurden dann – oft je nach Größe / Datenvolumen – über die eingeführten digitalen Lernmanagmentsysteme wie Moodle / Mebis / iCloud o.ä., über kommerzielle Plattformen wie z.B. YouTube oder andere, werbefreie Plattformen wie z.B. WirLernenOnline an die Schüler:innen herangebracht.
Wer selbst solche Erklärvideos erstellen möchte, kann sich Einsteigersupport z.B. über die Seiten des ZSL Baden-Württemberg holen oder auch die Tipps der Profis wie z.B. Sebastian Stoll oder Sebastian Schmidt. Wichtig ist mir persönlich dabei jedoch, auf didaktische Grundlagen hinzuweisen, wie sie z.B. Prof. Christoph Kulgemeyer (IdN Universität Bremen) folgendermaßen benennt:
- Struktur wie z.B. Rule-Example-Strategie
- Adaption an Vorwissen und typische Präkonzepte
- minimales Erklären, Redundanzen und Ausschweifen vermeiden
- Nutzung bestimmter Adaptionswerkzeuge, die aus der Didaktik allgemein bekannt sind, z.B. Modelle und Analogien, Sprachebene berücksichtigen, Beispiele geben
- Einbettung in Lernaufgabe
- usw.
Für mich selbst hat sich im Zuge des Fernlernens immer deutlicher herauskristallisiert, dass es höchst unterschiedliche „Genres“ von Videoclips im (Physik-)Unterricht gibt und auch geben sollte. Neben dem klassischen Erklärvideo, welches meist dazu eingesetzt wird, Informationen außerhalb des (Präsenz-)Unterrichtes an die Schüler:innen heranzutragen, sind mir u.a. noch folgende „Genres“ auf- und eingefallen:
- Stumme Videos:
- können z.B. (Natur-)Phänomene aus der Umgebung / Natur einfangen
- können ein Experiment zeigen
- können von Schüler:innen selbst besprochen / vertont werden (kognitive Aktivierung)
- Bsp.: Kerzenversuch
- Videoclips mit Experimenten zum Auswerten:
- Möglichkeit, auch komplexere Experimente durch Schüler:innen selbst auswerten zu lassen, für die das Experimentiergerät zu Hause (oder in der Schule in dem Umfang, in dem es für S-Experimente nötig wäre) fehlt
- Fokussierung auf einen Einzelschritt im Rahmen der naturwissenschaftlichen Arbeitsweise
- zeitökonomische Einführung von Fachmethoden
- Bsp.: Experiment zum Hookeschen Gesetz
- Videobasierte Aufgabe:
- Aufgaben können vielseitiger gestellt werden
- Aufgabeneinbettung in realen Kontext ohne aufwändigen Textvorspann möglich
- Bsp.: Ball-Fön-Experiment, Ei-Fahrradhelm-Experiment
- Anleitungen:
- Besser verständliche Anleitungen für Produkte, die Schüler:innen selbst herstellen sollen; kein großer Textteil mit Bildmaterial und kein umfangreiches Ausdrucken nötig
- Bsp.: Bau einer Lochkamera
- Videoclips, die durch Schüler:innen selbst erstellt werden:
- Lernen durch Selbst-Erklären
- kreative, eigene Produkte möglich
- einfach zu erstellen z.B. mit Handykamera, iPad (Realfilme)
- Filme herstellbar aus Fotos oder besprochenen Folien
- Bsp.: Ergebnisse Experimente mit der Lochkamera, Kl. 7
- Tutorials zur Binnendifferenzierung:
- Unterstützung von unsicheren Schüler:innen bzw. Schüler:innen mit höherem Beratungsbedarf oder Sicherheitsempfinden
- Bsp.: Konstruktion von Strahlengängen bei der Lichtbrechung an der Sammellinse
Der Kreativität sind eigentlich keine Grenzen gesetzt, wenn es um Videos im (Physik-/ MINT-) Unterricht geht. Insbesondere die von Schüler:innen selbst erstellten oder vertonten Videos dienen der kognitiven Aktivierung und sind zudem ein fachspezifischer Beitrag zur Kultur der #Digitalität. Die Ergebnisse können z.B. im verwendeten Lernmanagmentsystem der Schule eingestellt und gegenseitig mit Feedback versehen werden.
Links zu didaktischer Forschung im Bereich Videos im Unterricht (s. Haftungsausschluss im Impressum):
LEAD (digitales Lernen in der Schule)
LEAD Online-Vortragsreihen und mehr (Universität Tübingen)
Cunitas-Studie
Cunitas-Studie der Universität Tübingen zu den Effekten eingesetzter Maßnahmen im Fernlernen im Rahmen der coronabedingten Schulschließungen 2020
Erklärvideos Prof. Kulgemeyer didaktische Forschung rund um Erklärvideos, insbesondere im Physikunterricht, Kriterien zur Erstellung von Erklärvideos, Mustererklärvideos, div. Examensarbeiten zu Einzelaspekten, z.B. Untersuchungen zu Simple-Club, Sofatutor etc.
Links zu Videokanälen (s. Haftungsausschluss im Impressum):
Physik am Katzenstift
YouTube-Kanal mit Videoclips aus der Mittelstufen-Physik von Monica Hettrich, Gymnasium Baden-Württemberg, unterschiedliche Genres: Erklärvideos, stumme Videos mit Experimente, Schüler-Videos, Video-Aufgaben, Tutorials
cg-physics:
Physik-Videoclips von Heiko Hublitz für Schüler:innen und Lehrkräfte zu allen möglichen Themen der Mittelstufen- und Oberstufenphysik
Ecole Science:
stumme Experimentalvideos, allesamt OER zu allen möglichen Themen der Mittel- und Kursstufe der Physik
180-Grad-Flip
Insbesondere Erklärvideos für Mathematik, thematisch sortiert, im Rahmen des „flipped classroom“ von Sebastian Stoll RS Baden-Württemberg
Sebastian Schmidt
Erklärvideos Mathematik für die RS Bayern von Sebastian Schmidt, YouTube-Kanal, im Rahmen des „flipped classrooms“
flippedmathe
zugehörige Website von Sebastian Schmidt mit thematisch sortierten Mathe-Erklärvideos von Sebastian Schmidt für die RS Bayern
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