Der Kreislauf des Lernens
Wie wird das Lerntagebuch in den Unterricht eingebettet?
„[Die Lehrperson] hat … den letztlich unlösbaren Auftrag, die Rolle des Arztes mit der Rolle des Richters in einer Person zu kombinieren.“
Peter Gallin, Urs Ruf
Wie läuft der dialogische Unterricht ab?
Die Lehrkraft führt durch eine persönliche Erzählung oder durch eine Kernidee aus einem Schüler-Lerntagebuch zum vorausgegangenen Auftrag o.ä. in einen neuen Themenaspekt ein, stellt die zentrale Frage und skizziert wesentliche Gedanken dazu. In einem Auftrag wird die zentrale Frage nochmals schriftlich gefasst und Impulse zur Beantwortung bzw. kleinere Fragen dazu gestellt. Die Schüler:innen bearbeiten den Auftrag in ihrem Lerntagebuch (zu Hause oder im Präsenzunterricht, synchron oder asynchron) schriftlich.
Zentrale Hinweise an die Schüler:innen zur Arbeit mit dem Lerntagebuch sind in etwa folgende:
- Notiere möglichst alle deine Gedanken zur Sache, auch wenn sie zunächst nicht zwingend zum Ziel zu führen scheinen.
- Gib (Zahlen-)Beispiele für deine Überlegungen an, spiele verschiedene Beispiele durch und überprüfe damit deine Überlegungen.
- Bearbeite diejenigen Impulse, die du benötigst, um die zentrale Frage zu beantworten.
- Notiere auch deine Fragen zur Sache.
- Beantworte zum Schluss die zentrale Frage.
Ein Auftrag enthält dabei möglichst noch eine „Rampe“, d.h. eine Aufgabe zum Schluss, die etwas weiter führt. Diese ist freiwillig und wird i.d.R. nur von denjenigen bearbeitet, die die zentrale Frage bereits für sich selbst zufriedenstellend beantwortet haben.

Die Antwort einer Schülerin darauf lautet:

Ein Schüler befasst sich auch mit der „Rampe“ bzw. den Zusatzfragen:

Wird der Auftrag während des Präsenzunterrichtes bearbeitet, geht die Lehrkraft durch den Raum, liest einzelne S-Beiträge und gibt individuelle schriftliche (!) Impulse in das Lerntagebuch. Diese zusätzlichen Impulse helfen, die Fragen zu lösen oder noch einmal vertiefter über einen Aspekt nachzudenken. Das können weitere Zahlenbeispiele sein, Fragen oder individuelle Anregungen aller Art.
Nun müssen im Unterricht die Schülerbeiträge aus den Lerntagebüchern, die von Gallin und Ruf als „Autographen“ bezeichnet werden, untereinander vorgestellt und ein Feedback gegeben werden. Dazu gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen u.a. in Abhängigkeit davon, ob die Schüler:innen sich untereinander ein Feedback geben oder ob das Feedback von der Lehrkraft kommt. Eine ganz einfache Methode besteht darin, aus den Lerntagebüchern via Videolex-Kamera / iPad o.ä. ein Foto anzufertigen und es per Beamer zu projizieren. Dann werden auf diese Art und Weise 2 oder 3 Schülerautographen gemeinsam gelesen und den Autor:innen ein Feedback gegeben. Natürlich kann man diese S-Beiträge auch kopieren und allen Schüler:innen austeilen, so dass diese ihre individuellen Anmerkungen jeweils direkt schriftlich in der Kopie notieren können. Durch diese Rückmeldungen schärfen die Schüler:innen den Blick auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit ihrer Aufschriebe und bekommen Ideen, wie sie sich beim nächsten Auftrag noch vertiefter mit dem Thema auseinandersetzen können. Wiederholt man ein solches Verfahren mehrfach, werden die Lerntagebücher der Schüler:innen erfahrungsgemäß ausführlicher – die Schüler:innen lassen sich mehr auf die Sache ein.
Zusätzlich werden entweder alle oder eine ausgewählte Menge an Lerntagebüchern nach der Beendigung der Arbeit daran von der Lehrkraft eingesammelt und kommentiert sowie bewertet (Praxistipp: Ich rate, höchsten 6-8 Tagebücher mitzunehmen, da das Kommentieren viel Arbeit ist – nimmt man jedesmal ca. 6-8 Lerntagebücher mit, dann hat man nach ca. 4-5 Aufträgen einmal alle Schüler:innen kommentiert). Die schriftliche Kommentierung besteht dabei nicht einfach in der Markierung von Fehlern, sondern sie erfolgt stärkenorientiert durch konstruktives Feedback und weiterführende Fragen zum jeweiligen Geschriebenen. Eine Bewertung nach einer individuellen Bezugsnorm (nicht wie bei Klassenarbeiten aus der Defizitperspektive!) hilft dabei, dass die Schüler:innen die Aufträge ernst nehmen, denn sie zählen am Ende des Schuljahres mit in die Endnote und können so die Klassenarbeitsnoten ergänzen (s. Blogbeitrag zur Bewertung der Lerntagebücher). Erst durch die Kommentierung und Bewertung kann der im Eingangszitat erwähnte Konflikt zwischen der Rolle der Lehrkraft als „Arzt“ und als „Richter“ in eine hilfreiche Balance gebracht werden.
Im Unterricht wird danach eine oder mehrere reguläre Lösungswege besprochen und idealerweise durch einen Folgeauftrag bereits angewandt. Insgesamt ergibt sich so ein „Kreislauf des Lernens“, den ich so vereinfacht darstelle:

Wer etwas über die Bewertung und Kommentierung der Tagebucheinträge erfahren möchte oder weitere Ideen sehen will, kann einfach bei einer der Folge-Blogbeiträge nachsehen.
Literatur zum dialogischen Unterricht (s. Haftungsausschluss im Impressum):
(1) Peter Gallin, Urs Ruf
Singuläre Schülertexte als Basis eines allgemeinbildenden Mathematikunterrichtes
In: Untersuchungen zum Mathematikunterricht
IDN-Reihe (Bielefelder Institut zur Didaktik der Mathematik) Mathematik allgemeinbildend unterrichten – Impulse für Lehrerbildung und Schule.
Köln, Aulis Verlag Deubner & Co KG, 1996
(2) Peter Gallin, Urs Ruf
Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik, Band 1 und 2
Seelze-Velber, Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, 1998
(3) Urs Ruf, Stefan Keller, Felix Winter (Hg.)
Besser lernen im Dialog
Seelze-Velber, Kallmeyer in Verbindung mit Klett, 2008
(4) Monica Hettrich
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Schritte zu einem dialogischen Mathematikunterricht
Handreichung M 44
Stuttgart, Landesinstitut für Schulentwicklung, 2000
(5) Monica Hettrich
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Der Dialogische Mathematikunterricht – Ein Projekt zur veränderten Unterrichtskultur in Mathematik in: Magazin Schule, Ausgabe 15 (2005) Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Baden-Württemberg
(6) Monica Hettrich
Arbeitskreis Dialogischer Mathematikunterricht
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Dialogischer Mathematikunterricht in der Unterstufe
Handreichung M 69
Stuttgart, Landesinstitut für Schulentwicklung, 2005
(7) Monica Hettrich und Katja Klee
Erlebnisse zwischen regulärem Denken und singulärer Schülerwelt (7.–9. Klasse)
in: PM – Praxis der Mathematik in der Schule, Heft 7: „Schreiben – Lesen — Rückmelden; Dialogischer Unterricht“ (Aulis Verlag, 2006)
(8) F. Karsten:
in „Der Wendepunkt der Kurve ist der Hochpunkt“ – Kurvendiskussion an Schülervorstellungen orientiert
PM – Praxis der Mathematik in der Schule, Heft 40, S. 25–30.
Links zum dialogischen Unterricht (s. Haftungsausschluss im Impressum):
Homepage der Schweizer Arbeitsgruppe: lerndialoge.ch
Homepage der Arbeitsgruppe „Dialogischer Mathematikunterricht“ in Deutschland (BW) – etwas veraltet …
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