Dialogischer Unterricht I

Mein Einstieg in den dialogischen Unterricht

Ein Erlebnisbericht

Eine Begegnung

Im Referendariat begegnete ich einem aus meiner Sicht sehr ungewöhnlichen Mathematik-Lehrer, der scheinbar in seinem Unterricht so ziemlich jeden „Fehler“ beging, den man laut Seminar im Unterricht begehen konnte: Er hatte keinerlei klare Methodik, er schien sich eher treiben zu lassen, er ging extrem auf einzelne Schülerbeiträge ein, er entschied fast alles ganz spontan im Unterricht und dachte wirklich nie über etwas nach, was man eine „Inszenierung“ von Unterricht nennen könnte. Es gab auch keine „Motivation“ einer neuen Themas, sondern er erzählte eher etwas, was ihn mit dem Thema verband und was er selbst spannend daran fand – und ging dann sehr schnell „zur Sache“. Und die Schüler:innen gingen durchweg mit! Er nahm seine Schüler:innen extrem ernst und konnte sie sehr gut einschätzen. Interessanterweise sagte ausgerechnet er mir relativ rasch, dass er jetzt 54 Jahre alt sei und nicht wirklich wüsste, wie man GUTEN Mathematikunterricht macht, er es aber noch bis zum Ende seiner Dienstzeit herausfinden möchte. Dieser Satz beeindruckte mich damals immens (und er tut es genau genommen bis heute).

Er „erfand“ zudem nebenbei eine – damals völlig unbekannte – „Lizenz“ zur Veröffentlichung von Unterrichtsmaterial. Er wolle nämlich alles Material für den Unterricht zum freien Austausch unter Lehrkräften kostenlos zur Verfügung stellen – in Anlehnung an ihm bekannte Formate aus der Informatik. Er nannte diese „Lizenz“ OSL (Offene Schullizenz) und gestaltete sie detailliert aus.

Dieser Mann hieß Helmut Neunhöffer und wurde rasch mein (von mir selbst dazu ernannter) Mentor in Mathematik.

Gemeinsam lasen wir einen ersten Artikel der beiden Schweizer Kollegen Urs Ruf und Peter Gallin, der uns motivierte in einem Schuljahr ein erstes Unterrichtsexperiment mit dem dialogischen Mathematikunterricht durchzuführen (1).

Unser „Experiment“

Wir beschlossen, unsere ersten Unterrichtsversuche jeweils in einer 7. Klasse durchzuführen und tauschten uns hinsichtlich der zu erstellenden Aufträge und unserer Erfahrungen damit im Unterrichtseinsatz eng aus. Zudem kooperierte ich im Bereich Geometrie noch mit dem Deutschlehrer meiner 7. Klasse, der die Lerntagebucheinträge meiner Klasse unter dem Thema „Beschreibung“ / „Vorgangsbeschreibung“ behandelte. Auch wir arbeiteten kooperativ und teilweise im Teamteaching zusammen. Das sah dann in etwa so aus:

Kooperation der Fächer Mathematik und Deutsch, CC-BY-SA 4.0 Monica Hettrich

Für mich war damals besonders interessant, wie im Fach Deutsch an die selbst produzierten Texte herangegangen wurde (individuelle Rückmeldung, Überarbeitung) und dass die zu erlernenden Aspekte an mathematischen Inhalten erlernt werden konnten. Am „Tag der offenen Tür“ konnten einige Beiträge aus den Lerntagebüchern ausgestellt werden, was die Schüler:innen sehr stolz machte.

Was mich aber restlos von dem Ansatz des dialogischen Lernens überzeugte, war ein Hausaufgabenbeitrag einer Schülerin zur Subtraktion zweier negativer Zahlen:

Hausaufgabenbearbeitung einer Schülerin zur Subtraktion negativer Zahlen, Bildrechte bei M. Hettrich

Spätestens jetzt wurde mir klar, dass das Lerntagebuchformat gigantische Möglichkeiten mit sich bringt, nämlich u.a.

  • eine vertiefte kognitive Befassung mit Sachverhalten als in bloßen Aufgaben,
  • eine stärkeres emotionales „Sich-Einlassen“ auf die Sache,
  • die Ermöglichung einer umfassenden Feedback-Kultur unter Gleichen (Schüler:innen untereinander),
  • ein großer Kenntniszuwachs auf Lehrkräfte-Seite, wenn es um Lernschwierigkeiten geht,
  • die Bewertung mit einer individuellen Bezugsnorm, die in Mathematik ansonsten schwer bis gar nicht möglich ist,
  • unterschiedliche Denk- und Lösungswege miteinander abzugleichen.

Meine Neugier war erwacht …!
Nach dem ersten Schuljahr mit positiven Erfahrungen gründeten Helmut Neunhöffer und ich einen Arbeitskreis, in dem wir gemeinsam Aufträge entwickelten und uns regelmäßig zu einzelnen Schülerautographen austauschten. Unsere Erfahrungen haben wir auf einer Website zum dialogischen Mathematikunterricht zusammen getragen.

Wer etwas über das Lerntagebuch im dialogischen Unterricht, Feedback zwischen „Ungleichen“ (Lehrkraft-Schüler:innen) und „Gleichen“ (Schüler:innen untereinander), die spezifische Bewertung mit individueller Bezugsnorm und den Kreislauf des Lernens erfahren will, erfährt dazu etwas in den weiteren Blog-Beiträgen zum dialogischen Unterricht.

Literatur zum dialogischen Unterricht (s. Haftungsausschluss im Impressum):

(1) Peter Gallin, Urs Ruf
Singuläre Schülertexte als Basis eines allgemeinbildenden Mathematikunterrichtes
In: Untersuchungen zum Mathematikunterricht
IDN-Reihe (Bielefelder Institut zur Didaktik der Mathematik) Mathematik allgemeinbildend unterrichten – Impulse für Lehrerbildung und Schule.
Köln, Aulis Verlag Deubner & Co KG, 1996

(2) Peter Gallin, Urs Ruf
Dialogisches Lernen in Sprache und Mathematik, Band 1 und 2
Seelze-Velber, Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung, 1998

(3) Urs Ruf, Stefan Keller, Felix Winter (Hg.)
Besser lernen im Dialog
Seelze-Velber, Kallmeyer in Verbindung mit Klett, 2008

(4) Monica Hettrich
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Schritte zu einem dialogischen Mathematikunterricht
Handreichung M 44
Stuttgart, Landesinstitut für Schulentwicklung, 2000

(5) Monica Hettrich
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Der Dialogische Mathematikunterricht – Ein Projekt zur veränderten Unterrichtskultur in Mathematik in: Magazin Schule, Ausgabe 15 (2005) Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Baden-Württemberg

(6) Monica Hettrich
Arbeitskreis Dialogischer Mathematikunterricht
Entdecken, Erleben, Beschreiben – Dialogischer Mathematikunterricht in der Unterstufe
Handreichung M 69
Stuttgart, Landesinstitut für Schulentwicklung, 2005

(7) Monica Hettrich und Katja Klee
Erlebnisse zwischen regulärem Denken und singulärer Schülerwelt (7.–9. Klasse)
in: PM – Praxis der Mathematik in der Schule, Heft 7: „Schreiben – Lesen — Rückmelden; Dialogischer Unterricht“ (Aulis Verlag, 2006)

(8) F. Karsten:
in „Der Wendepunkt der Kurve ist der Hochpunkt“ – Kurvendiskussion an Schülervorstellungen orientiert
PM – Praxis der Mathematik in der Schule, Heft 40, S. 25–30.

Links zum dialogischen Unterricht (s. Haftungsausschluss im Impressum):

Homepage der Schweizer Arbeitsgruppe: lerndialoge.ch

Homepage der Arbeitsgruppe „Dialogischer Mathematikunterricht“ in Deutschland (BW) – etwas veraltet …

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